Olympisches Dorf

Versprechen auf eine bessere Welt

Von Michael Horeni, Peking

07. August 2008 Amanda Beard steht vor dem Zaun des Olympischen Dorfs, und ihre langen blonden Haare bändigt sie mit einer lässig hochgeschobenen schwarzen Sonnenbrille. Amanda Beard sieht aus wie ein Hollywood-Sternchen. Ein bisschen ist sie das auch. Sie lächelt in die Kameras und hält ein Plakat in den Händen, auf dem sie vor einer amerikanischen Flagge steht. Amanda Beard ist darauf nackt zu sehen. Ein Slogan steht auch dabei: „Fühle dich wohl in deiner Haut. Trage keinen Pelz!“

Aber weil sie das zwei Tage vor der Eröffnung macht und dazu die Botschaft aussendet, keine unschuldigen Tiere zu töten, gilt sie nun als erste Sportlerin, die bei den Olympischen Spielen in Peking politisch protestiert hat. Eine politische Demonstration der Athleten hatte man sich in Peking irgendwie anders vorgestellt. Und das Gefühl, dass es Amanda Beard nicht nur um Tiere, sondern auch um sich selbst geht, wird man so schnell nicht los. Die 26 Jahre alte Olympiasiegerin hatte sich auch schon für den „Playboy“ ausgezogen; für „Sports Illustrated“ hat sie den Bikini kurz vor den Spielen angelassen.

Karriere in der Kommunistischen Partei

Amanda Beard gehört zu den rund 16.000 Bewohnern des Olympischen Dorfes, und ihre Bürgermeisterin in diesen Tagen heißt Chen Zhili. Man kann sich kaum zwei unterschiedlichere Frauen vorstellen als das amerikanische Glamourgirl, das sich für Tiere und sich selbst auszieht, und die chinesische Bürgermeisterin, die nun dem seltsamsten Dorf der Welt vorsteht. Chen Zhili hat nicht im Schwimmbecken, sondern in der Kommunistischen Partei Karriere gemacht. Sie sitzt im Staatsrat der Volksrepublik, Erziehungsministerin war sie auch schon. Ihre Haare trägt sie wie einen Helm, und auch ansonsten trifft man bei der Karriere-Kommunistin auf Verschlossenheit.

Chen Zhili lebt nicht in einer Wohnung wie Amanda Beard, sondern regiert aus dem „Büro der Bürgermeisterin“. Doch dieses Büro ist kein Büro, sondern ein kleiner Palast innerhalb des Olympischen Dorfs, umgeben von roten Mauern. In sein Zentrum gelangt man erst nach einem Gang über mehrere Innenhöfe und durch immer weitere Pforten. Das Büro ist einem Kloster für den Drachenkönig nachempfunden, das vor mehr als 500 Jahren in der Ming-Dynastie errichtet wurde. Sportler, die auf solche Feinheiten nicht achten, erinnert es an die Verbotene Stadt, und das ist das Büro eigentlich auch. Nur ausgewählte und hochgestellte Gäste dürfen hinein, und an der ersten Pforte erhalten sie Geschenke von schönen Chinesinnen in schönen Seidenkleidern.

Eine entblößt sich - eine verschließt sich

Amanda Beard entblößt sich – und ihre Bürgermeisterin verschließt sich. Öffentlich hat sich Chen Zhili noch nicht zu ihrer Aufgabe geäußert, ihre Vorgänger haben das immer gemacht. Sie haben sich gefreut über dieses unmögliche Amt, und in den Zeitungen sah man sie jeden Tag lachen. Chen Zhili sieht man nicht, und Gesprächsanfragen lässt sie absagen. „Zu beschäftigt“, heißt es. Man wüsste gerne, womit die Bürgermeisterin beschäftigt ist, dann erführe man vielleicht auch, wie man ein solch unmögliches Dorf in China führt. Denn in Peking ist das Olympische Dorf eigentlich eine noch größere Unmöglichkeit.

Chen Zhili herrscht über einige Quadratkilometer und 42 Gebäude, die sich für rund 16.000 Sportler, Helfer und Funktionäre in tadellosem Zustand präsentieren. Es ist das schönste Dorf, das es bisher gegeben hat. Aber eigentlich herrscht Chen Zhili über eine Idee. Das Olympische Dorf macht die Spiele aus. Es ist ihr Extrakt. Das Dorf ist ein Versprechen auf eine bessere Welt; bei Olympia sollen die Menschen zusammenkommen, aus aller Welt, aus allen Nationen, aus allen Religionen, frei und fröhlich. Im Olympischen Dorf ist das so.

Atmosphäre, Essen, Erotik

Es gibt zwei Orte, an dem sich das im Pekinger Dorf noch einmal besonders zeigt. Der eine ist die Mensa, der andere die Fitness-Halle. Und es gibt auch noch einen wichtigen dritten Ort, aber darüber sprechen die Sportler nur hinter vorgehaltener Hand, und manchmal werden sie dabei rot. So wie Dirk Nowitzki, als er erzählte, dass sein ehemaliger Mannschaftskamerad Hansi Gnad bei Olympia seine Frau kennenlernte. Örjan Madsen, der Sportdirektor des Deutschen Schwimmverbandes, hat die drei mitunter überwältigenden Faktoren, mit denen Athleten im Olympischen Dorf konfrontiert würden, so benannt: Atmosphäre, Essen, Erotik.

Über die Mensa lässt sich leichter reden, und das macht Catherine Toolan. Sie ist eine patente Irin und für das gigantische Catering zuständig. 5050 Sportler passen gleichzeitig in das Zelt, 22.000 Essen gehen derzeit am Tag raus. Eine Million Äpfel werden die Dorfbewohner essen, zwei Millionen Flaschen Wasser trinken, neben all dem anderen, was sie sonst noch zu sich nehmen.

Es herrscht eine unglaubliche Energie

Als der chinesische Basketballstar Yao Ming kam, konnte die Irin die chinesischen Helfer an den Essensausgaben nicht mehr halten, und sie strahlt, wenn sie erzählt, dass 24 Stunden Sportler da sind, und dass die deutschen Basketballspieler gar nicht mehr weg wollen. Die einen gehen gerade ins Bett, da kommen die anderen schon, um morgens um drei haufenweise Kohlehydrate in sich hineinzustopfen, weil ihr Training so früh beginnt.

Der andere zentrale Ort ist die Fitness-Halle, ein riesiger Raum. Es herrscht Hochbetrieb am Nachmittag, eine grazile Rumänin stemmt Eisen neben massigen Gewichthebern aus Bulgarien; ein deutscher Wasserballer wuchtet Hanteln, eine Kubanerin tänzelt durch die Halle. Es herrscht eine unglaubliche Energie. Die italienischen Betreiber, die den Sportlern die Geräte auch schon in Athen und Sydney zur Verfügung stellten, haben einen solchen Andrang noch nie erlebt. Es ist 16 Uhr, und alle Laufbänder sind belegt. Das geht seit Stunden so, sagen sie, eigentlich den ganzen Tag. Denn in Peking mag draußen kaum jemand laufen, und so bringt die Luftverschmutzung die Sportler der Welt in der Halle zusammen.

Wahlkampf mit Wilson Kipketer und Claudia Bokel

Amanda Beards Aktion ist auf eine Art politisch, wie es die siebenmalige Medaillengewinnerin gar nicht im Sinn hatte. Eigentlich wollte sie am Samstag vor dem Schwimmstadion protestieren, doch das haben die chinesischen Funktionäre untersagt. Nur im Schutze des Olympischen Dorfes und im Medienzentrum dürfen sich Athleten in dieser Weise äußern. Außerhalb dieser Grenzen herrscht chinesisches Recht.

Ein Stückchen Demokratie gibt es auch im Olympischen Dorf von Chen Zhili zu besichtigen. Auf dem Weg zu den Bussen machen Wilson Kipketer und Claudia Bokel Wahlkampf. Die ehemalige deutsche Fechterin, die jetzt in der europäischen Athletenkommission sitzt, will wie der in Kenia geborene Läufer die Athleten beim Internationalen Olympischen Komitee vertreten. Sie verteilen Wahlwerbung. Kipketer verspricht Wandel. Claudia Bokel sagt, dass sie für die Rechte der Athleten kämpfen wird. Chen Zhili wird gerade wohl wieder in ihrem Büro sitzen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

 

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