Von Anno Hecker, Budapest
03. August 2008 Diese Traurigkeit, diese Freude. Keine vier Minuten lagen zwischen den Bildern des Tages am Hungaroring. Felipe Massa, längst als Sieger gesehen, riss ein Motorschaden im Ferrari in der drittletzten Runde aus dem Traum vom Sieg beim Großen Preis von Ungarn, aus der süßen Vorstellung, die Führung in der Fahrerwertung zu übernehmen.
Schleppend, kopfschüttelnd ging er zur Box zurück, während Heikki Kovalainen das Pech des Brasilianers zum Sieger kürte. Da riss der Finne die Arme aus dem Cockpit im Moment des Triumphes, sprang im Parc fermé vor Freude auf seinen Boliden und konnte sein Glück kaum fassen. Das erste Mal ist wohl das schönste: Phantastisch, ein großer Moment, ich habe solange darauf hingearbeitet. Ich hoffe, das ist nur der erste von vielen Siegen.
Glock erstaunte fast noch mehr als Kovalainen
So befreit wirkte auch Timo Glock bei seinem ersten Besuch auf dem Podium einer Formel-1-Siegerehrung. Als Zweiter im Toyota vor Weltmeister Kimi Räikkönen (Ferrari) erstaunte seine Tour vor den Toren Budapests fast noch mehr als die Beförderung des McLaren-Piloten in den Klub der Sieger. Zu den Gewinnern durfte sich auch Räikkönen am Sonntag zählen.
Denn weil Massa und Lewis Hamilton (5.) wegen Defekten aus- und zurückfielen, rückte der Champion in der Fahrerwertung hinter Hamilton (67) an seinem Teamkollegen (54) vorbei auf Rang zwei vor (62). Glock ist in der Gesamtwertung nun zweitbester Deutscher (13 Punkte) hinter Nick Heidfeld (41), der Zehnter wurde.
Sechs Überholmanöver auf dem Weg zur ersten Kurve
Von wegen Überholverbot. So reden Formel-1-Fahrer gerne, wenn sie am Morgen vor dem Start auf dem Hungaroring ihre Sorgen schildern. Einmal im Verkehr, immer im Stau. Diese Vorstellung hat den Piloten Beine gemacht. Sechs Überholmanöver boten sie gleich auf dem Weg zur ersten Kurve. Vornweg in der Rangliste der Blitzstarter verdiente sich Massa wenigstens den Sieg in der Sprintwertung: Von drei auf eins in ein paar hundert Metern, vorbei an der ersten Startreihe mit Hamilton auf Platz eins und Kovalainen neben ihm. Auf der Außenbahn zog Massa mit diesem Manöver an Hamilton vorbei in Führung.
So kompromisslos, dass die Ferrari-Crew den aufgestauten Frust wegen der heftigen Niederlage in Hockenheim vor Freude in die Welt hinausbrüllte. Vai, vai Felipe (Geh, geh, Felipe!). Die Masse konnte Massas Spur nicht folgen. Aber zur Sprintgruppe gesellte sich als Erster Timo Glock. Er rückte von Rang fünf vorbei an Robert Kubica (8.) im BMW-Sauber auf Platz vier vor, als einziger Deutscher in der Spitzengruppe: Ich habe meine Reaktionszeit verbessert, das hat sicherlich geholfen, erklärte der Rennfahrer aus dem Odenwald.
Toyota zog zum ersten Mal an BMW vorbei
Zwar gelang auch Heidfeld ein veritabler Sprung, von 15 auf 12. Aber eigentlich war das Rennen schon mit der unabsichtlichen Blockade von Sebastian Bourdais im Toro Rosso am Samstag für den Mönchengladbacher gelaufen. Er verpasste deshalb die Qualifikation für die nächste Runde im Startplatzrennen. Weil auch Nico Rosberg (Williams/14.), Sebastian Vettel und Adrian Sutil (beide ausgefallen) keinen Rhythmus im Schlussdrittel des Feldes fanden, zog Glock nach seinem heftigen Unfall in Hockenheim vor zwei Wochen abermals die Aufmerksamkeit der Deutschen auf sich.
Denn auch nach dem ersten Boxenstopp änderte sich nichts an der Reihenfolge. Glock setzte sein überraschendes Tempo vom Samstag fort. Toyota konnte in Ungarn auf taktisches Spielchen, auf eine Leichtgewichtsstrategie, spielend verzichten. Und so zog das Team mit Sitz in Köln zum ersten Mal an BMW-Sauber vorbei, dem dritten Topteam.
Champion Räikkönen kriegt zu selten die Kurve
Das Auto war schon das ganze Wochenende perfekt, sagte Glock. Selbst Kovalainen fiel es im schnellsten Rennwagen mitunter nicht leicht, den Hessen auf Distanz zu halten. Aber ich war am Anfang auch vorsichtiger, schilderte der 26 Jahre alte Finne aus Soumussalmi: Ich konnte erst im zweiten Teil angreifen. Eigentlich sollte Kovalainen seinem Teamkollegen Hamilton den Rücken freihalten. Wenn er schon im identischen Auto anfangs nicht den Speed des Engländers riskierte (17 Sekunden Rückstand nach 40 Runden). Doch die Pufferzonen-Taktik sprengte Massa mit seinem Coup binnen Sekunden.
Was den Zuschauern letztlich lange einen ungeschminkten Blick auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen bescherte, dem ersten in dieser Saison. Massa gegen Hamilton, Ferrari gegen McLaren: Das ist in einem Fall zwar nicht die vor Saisonbeginn erwartete Besetzung gewesen. Aber Räikkönen, der Champion, kriegt zu selten die Kurve in dieser Saison. Nicht zurechtgekommen schon im Training (6.), zurückgefallen beim Start, zu langsam beim Dauerlauf, das ganze garniert mit einem spektakulären Fahrfehler.
Kovalainen mit klugen Hintergedanken
Massa übernahm in Ungarn die Rolle des Hamilton-Herausforderers bis drei Runden vor Schluss. Zu einer Reifeprüfung unter Gegnern aber kam es nicht. Ein zu scharfes Bremsmanöver ruinierte in der 41. Runde Hamiltons linken Vorderreifen. Der Brite schleppte sich zur Box. Aber nach dem Reifenwechsel zählte der Grand Prix schon einen prominenten unglücklichen Verlierer.
In brütender Hitze verloren die Fans aber nicht die Aussicht auf ein heißes Finale: Dann wie zum Ersatz stellte sich der beschleunigende Kovalainen als Tempomacher mit klugen Hintergedanken vor: Ich wollte Druck auf Massa machen. Ich dachte, dass vielleicht etwas passiert. Und es passierte. Noch besser kam Räikkönen in den letzten fünfzehn Runden in Fahrt. Plötzlich um 0,7 bis eine Sekunde schneller pro Runde, flog er geradezu auf den Toyota von Glock zu, tauchte sechs Runden vor Schluss formatfüllend im Rückspiegel Glocks auf. Und so schloss sich der Kreis: Ist das Überholen auf dem Hungaroring wirklich kaum möglich? Du kannst 1,5 Sekunden schneller sein, hatte Räikkönen vorher erzählt, und es reicht nicht. Zum Beweis des Gegenteils kam es nicht. Massas Motorschaden warnte Räikkönen. Er ging vom Gas.
Grand Prix von Ungarn in Budapest (70 Runden à 4,381 km/306,663 km): 1. Heikki Kovalainen (Finnland) McLaren-Mercedes 1:37:27,067 Std. (Schnitt: 188,684 km/h); 2. Timo Glock (Wersau) Toyota + 0:11,000 Min.; 3. Kimi Räikkönen (Finnland) Ferrari + 0:16,800; 4. Fernando Alonso (Spanien) Renault + 0:21,614; 5. Lewis Hamilton (Großbritannien) McLaren-Mercedes + 0:23,048; 6. Nelson Piquet Jr. (Brasilien) Renault + 0:32,298; 7. Jarno Trulli (Italien) Toyota + 0:36,449; 8. Robert Kubica (Polen) BMW-Sauber + 0:48,321; 9. Mark Webber (Australien) Red Bull + 0:58,834; 10. Nick Heidfeld (Mönchengladbach) BMW-Sauber + 1:07,709; 11. David Coulthard (Großbritannien) Red Bull + 1:10,407; 12. Jenson Button (Großbritannien) Honda + 1 Runde; 13. Kazuki Nakajima (Japan) Williams + 1 Runde; 14. Nico Rosberg (Wiesbaden) Williams + 1 Runde; 15. Giancarlo Fisichella (Italien) Force India + 1 Runde; 16. Rubens Barrichello (Brasilien) Honda + 2 Runden; 17. Felipe Massa (Brasilien) Ferrari + 3 Runden; 18. Sébastien Bourdais (Frankreich) Toro Rosso + 3 Runden
Ausfälle: Sebastian Vettel (Heppenheim) Toro Rosso (23. Runde); Adrian Sutil (Gräfelfing) Force India (63. Runde)
Schnellste Rennrunde: Kimi Räikkönen (Ferrari) 1:21:195 Min.
Pole Position: Lewis Hamilton (McLaren-Mercedes) 1:20,899 Min.
Fahrer-Wertung nach 11 von 18 Rennen: 1. Lewis Hamilton 62 2. Kimi Räikkönen 57 3. Felipe Massa 54 4. Robert Kubica 49 5. Nick Heidfeld 41 6. Heikki Kovalainen 38 7. Jarno Trulli 22 8. Fernando Alonso 18 9. Mark Webber 18 10. Timo Glock 13 11. Nelson Piquet Jr. 13 12. Rubens Barrichello 11 13. Nico Rosberg 8 14. Kazuki Nakajima 8 15. David Coulthard 6 16. Sebastian Vettel 6 17. Jenson Button 3 18. Sébastien Bourdais 2
Team-Wertung nach 11 von 18 Rennen: 1. Ferrari 111 2. McLaren-Mercedes 100 3. BMW-Sauber 90 4. Toyota 35 5. Renault 31 6. Red Bull 24 7. Williams 16 8. Honda 14 9. Toro Rosso 8
Nächstes Rennen: GP Europa am 24. August in Valencia
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS