29. August 2008 Die Schauermeldungen aus dem westlichen Mittelmeer und dem Atlantik um die Kanaren klingen wegen der ständigen Wiederholung für viele Spanier schon wie der Wetterbericht. Stets kommen darin die Wörter Schwarzafrikaner“ und Hungergürtel südlich der Sahara“ vor, weiterhin ertrunken“, vermisst“, tot über Bord geworfen“.
Die Migrantenschicksale erregen erst dann größeres Aufsehen, wenn wieder ein besonders krasser Fall bekannt wird. So war es zu Beginn dieser Woche, als ein spanisches Linienschiff zwischen Melilla und Málaga 25 Papierlose“ in höchster Not aus einem sinkenden Cayuco“ rettete. 21 von ihnen kauerten in dem Boot, vier klammerten sich im Wasser an die Bordwand. Mehr als 20 Gefährten, hieß es, seien zuvor gestorben und hätten in der Straße von Gibraltar ein nasses Grab gefunden. Eine Frau gab nach der Landung in Málaga an, sie habe ihren Mann und drei Kinder verloren, darunter einen Säugling.
Dramatisches Schicksal oder Schutzbehauptung?
Spanien ist neben Italien und auch Malta, vor dessen Küste in dieser Woche vermutlich 70 Somalier und Eritreer ums Leben gekommen sind, unverändert das Hauptziel der Auswanderer aus dem Maghreb und Schwarzafrika. Aus dem von der marokkanischen Küste aus gestarteten Boot wurden 20 Erwachsene und fünf Minderjährige gerettet. Sie hatten keine Ausweise vorzuzeigen, gaben aber an, aus Ruanda, Tschad, Äthiopien, Kenia und sogar Südafrika zu stammen. Die Erwachsenen werden mittlerweile von den spanischen Behörden verhältnismäßig schnell wieder in ihre Heimat abgeschoben. Die Jugendlichen bleiben in der Obhut des Sozialamtes, in diesem Fall der Regionalverwaltung Andalusiens.
Schon am Dienstag war in den Zeitungen von der Ankunft weiterer 40 schwarzafrikanischer Emigranten in Almería die Rede, darunter zwei schwangeren Frauen und sechs Kleinkindern. An der Tragödie vom Montag kamen unterdessen plötzlich Zweifel auf. Hatte etwa sogar die angeblich untröstliche Mutter nicht die Wahrheit gesagt? War gar kein Leichnam über Bord geworfen worden?
Außerordentliche Bleibeerlaubnis wider allen Restriktionen
Die Überlebenden, die wegen eines kaputten Ruders drei Tage auf hoher See im Kreis gefahren waren, wirkten auf die Helfer des Roten Kreuzes erstaunlich frisch“. Ihre Auskünfte über das Geschehene waren außerdem widersprüchlich. Sogleich wurde der Verdacht laut, dass es sich bei den Toten um eine Schutzbehauptung handeln könnte. Denn die spanische Regierung hatte in diesem Sommer wider allen neuen Restriktionen für illegale Einwanderer mehrfach den Überlebenden von Unglücksbooten eine außerordentliche Bleibeerlaubnis erteilt. Wie jede Änderung der Politik, der Gesetze und der Praxis in Madrid, hat sich auch dies in Windeseile bei den afrikanischen Nachbarn herumgesprochen.
Seit vor vier Jahren in den nordafrikanischen Enklaven Ceuta und Melilla Tausende von Migranten gegen die spanischen Grenzzäune stürmten und Menschenhändlerbanden als Organisatoren von teuren Bootsüberfahrten auf die Kanarischen Inseln, an die andalusischen Küsten und sogar auf die Balearen aus der Verzweiflung ein lukratives Geschäft zu machen verstanden, hat die Regierung des sozialistischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero schrittweise den Kurs einer einstmals in Europa einzigartig liberalen Einwanderungspolitik geändert.
Längere, teurere und riskantere Ausweichrouten
Die große, von anderen EU-Partnern kritisierte Amnestie, die im Jahr 2005 nahezu eine Million Ausländer legalisierte“, wich dem Versprechen, derlei nicht zu wiederholen. Spanien, das sich während der goldenen Jahre eines – im Vergleich zum restlichen Europa antizyklischen – Wirtschaftsbooms mit mehr als einer halben Million legaler und illegaler Neuankömmlinge im Jahr zum attraktivsten Einwanderungsland des Kontinents gewandelt hatte, sah sich jetzt gezwungen zu bremsen.
Bilaterale Vereinbarungen und finanzielle Hilfszusagen von Marokko über Mauretanien bis Senegal reduzierten zumindest die Armada der Cayucos“. Doch seit der heraufgezogenen spanischen Wirtschaftskrise mit heftigen Einbrüchen auf dem grauen und schwarzen Arbeitsmarkt, insbesondere für Illegale, sind auch die versprochenen Quoten für eine erhöhte geregelte legale Einwanderung aus Nord- und Schwarzafrika nur noch schwer einzuhalten.
So konzentriert sich die Abwehr auf verschärfte Kontrollen und polizeiliche Kooperation. Seit die Infrarotkameras, Satelliten und Schnellboote des Integrierten auswärtigen Überwachungsdiensts“ (Sive) aufpassen, ist die Straße von Gibraltar für die Migranten erheblich enger geworden. Zuerst aus der Gegend um Cádiz vertrieben, suchten sie neue Anlaufstellen zwischen Algeciras und Almería. Die Ausweichrouten wurden länger, kostspieliger und riskanter. Ein paar Algerier ruderten vor kurzem sogar bis nach Mallorca.
Mauretanien ist ein beliebter Ausgangspunkt
Jede Instabilität in einem der afrikanischen Ausgangsländer hat unmittelbare Folgen für die Migrationsströme. So hatte Spanien mit gewissem Erfolg und dem Ziel, insbesondere die Kanaren zu schützen, Mauretanien, Senegal und den Kapverden Aufklärungsflugzeuge und Patrouillenschiffe geschenkt. Madrid übernahm sogar Unterhalt, Logistik und Ausbildung der lokalen Sicherheitskräfte, um die Cayucos“ gleich nach dem Auslaufen zu blockieren. Dies hatte den Effekt, dass die Mafias“ vorübergehend nach Libyen auswichen und in den vergangenen Monaten Emigranten wieder stärker das italienische Lampedusa als Zielort wählten.
Seit dem Staatsstreich und den inneren Turbulenzen in Mauretanien ist dieses Land aber wieder der Ausgangspunkt für geschätzte neunzig Prozent aller atlantischen Cayucos“ geworden. Seit kürzlich ein regionales Fischereiverbot aufgehoben wurde, mischen sich die Boote der Auswanderer auch wieder unbemerkt zwischen die Fischer mit Kurs auf Fuerteventura, Teneriffa und Lanzarote.
Das Geld landet bei den Schleusern
Der dort für Organisation zuständige Kommandant der spanischen Guardia Civil, Francisco Javier Vélez Alcalde, hat jetzt für die Forschungseinrichtung Real Instituto Elcano aufgeschlüsselt, was die illegalen Passagen kosten und wer davon profitiert. So können die Schleuser mit Einnahmen von bis zu hunderttausend Euro für ein Cayuco“ mit hundertfünfzig Emigranten rechnen. Im Jahr 2006 sollen sie so rund 75 Millionen Euro kassiert haben. Ein einfaches Billett“ auf einem Boot ohne Navigator, Verpflegung und genauem Datum kostet einen Afrikaner etwa sechshundert Euro, eines mit garantierter Abfahrt“ neunhundert. Maghrebiner, die von der Westsahara aus starten, zahlen dort ebenfalls rund sechshundert Euro, Schwarzafrikaner und Asiaten – auch Pakistaner und Inder versuchen vermehrt über Nordafrika nach Europa zu gelangen – bis zu doppelt soviel.
Dabei sind unverändert nicht die Seewege, sondern die Flughäfen und Bahnhöfe die großen Eingangstore nach Spanien. Zahlenmäßig schlagen die Cayucos“ mit nur zwischen einem und zwei Prozent zu Buche. Die Ankunft unterkühlter und halb verdursteter Afrikaner an spanischen Badestränden liefert dennoch die dramatischsten Szenen und Bilder. In diesem Jahr sind bisher fast 7000 Papierlose“ mit Booten auf die Inseln und das Festland gelangt. Das sind nach Auskunft des Innenministeriums sieben Prozent weniger als im Vorjahr.
93 Prozent landen wieder in ihren Heimatländern
Die verschärfte Grenzüberwachung und die rasch und diskret abgewickelte Repatriierung verhindern auch, dass sich wie früher in überfüllten Auffanglagern auf Urlauberinseln unerwünschter sozialer Sprengstoff ansammelt. Von den 13.000 afrikanischen und maghrebinischen Migranten des Jahres 2007 wurden nach Regierungsangaben 93 Prozent in ihre Heimatländer zurückgebracht. Die Zahl der bei der Überfahrt Umgekommenen wird, das Unglücksboot vom Montag mitgerechnet, in den ersten acht Monaten auf bisher rund 100 geschätzt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP