Digitalmedienmesse „c/o Pop“

Zurück in der Zukunft

Von Oliver Jungen

“Play - Work“ - schon zur Eröffnung der “c/o Pop“ zeigt sich, worum es geht

"Play - Work" - schon zur Eröffnung der "c/o Pop" zeigt sich, worum es geht

17. August 2008 Am Rhein stehen, Seit' an Seit', herrlich anzusehen, zwei Häuser und heischen Symbolik: Bunt, chaotisch und voller Energie ist das eine, die ehemalige Bundesbahndirektion, heute „RheinTriadem“ genannt. Alles ist in seinem Innern improvisiert, aber das höchst charmant und hip: Konzerte bespielen bis in die Nacht den überdachten Innenhof, in jedem Raum stellen Jungkreative ihre Visionen vor, Stapel von Zeitschriften, Flyern, Zeugs überall. Junge, schöne Menschen tummeln sich in diesem Gebäude, sind einfach gern da, die Türen stehen offen. Vor dem anderen Haus, nicht umsonst „Palais“ genannt, sind die Torwächter strenger. Es wird zur Zeit kern- und edelsaniert. Das aber wurde es vor einem Jahr schon und, so hieß es damals, sollte längst irgendeine Luxusidee umhüllen.

Auf beide Häuser verteilt ist das nun ins fünfte Jahr gehende, richtungweisende Kölner Musikgipfeltreffen „c/o Pop“, das ein die ganze Stadt umfassendes Festival, eine Messe (besonders für kleine, unabhängige Labels), eine Konferenz mit mehr als tausend angemeldeten Teilnehmern und diverse Netzwerkknoten vereint - in diesem Jahr unter dem Titel „Let's play & work“. Ausgelagert in die Dauerbaustelle „Palais“ sind jene Diskussionsveranstaltungen, die sich mit der generalstabsmäßigen Bewirtschaftung des Internets beschäftigen; die Großen des Neuen Marktes sind hier vertreten, durchmischt mit erfolgversprechenden Aufsteigern. Von Enthusiasmus in der Krawattenfraktion aber keine Spur mehr. Während das Internet im „Palais“ immer noch verkürzt als Content-Distributionskanal, als radiales System also, verstanden wurde, hat nebenan die Zukunft längst begonnen.

Musik als Kundenbindungsinstrument

Was sind nun die aktuellen Trends im digitalen Entertainment? Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als würden die alten Diskussionen um Chancen und Risiken von Youtube oder Myspace fortgeführt, das Music-on-demand-Modell verfeinert, noch einmal das illegale Downloaden torpediert und abermals die Erotik der Nische entdeckt. Aber es hat sich in der Branche etwas geändert, und zwar fundamental. Man erkennt endlich den De-facto-Zustand an, was nicht unbedingt zu Resignation führt, sondern auch zu Pragmatik.

Geld lässt sich mit dem Internet nur bedingt verdienen. Vor allem das große Geschäft mit Musik ist vorbei, das Copyright spielt in der Realität keine Rolle mehr. Der Riese Bertelsmann hat seine Musiksparte daher soeben komplett aufgegeben und die Trennung von Sony eingeleitet. Natürlich werden sich weiterhin kleine Geschäftsmodelle rechnen, zumal, wenn sie den Rückbau des Zwischenhandels beschleunigen: Michael Cassidy etwa berichtete, dass seine Ithinkmusic-Plattform gut angenommen werde. Kleine Labels können so gegen geringes Entgelt ihre Produkte direkt vermarkten.

Auch der Downloadmarkt gegen Bezahlung ist noch nicht ganz tot, wenn man Joachim Franz glauben möchte, dem Vice-President der Telekom-Tochter Musicload. Doch die in den vergangenen Jahren wüst geglaubte Longtail-These über die Rentabilität von Nischenprodukten hält Franz für ein Märchen: Sein Unternehmen lebe von den Charts. Da würden dann auch die Musikvideos für zwei Euro gekauft, die man - in schlechterer Auflösung - überall umsonst sehen kann. Peter Dürr, Head of Paid Services bei der United Internet AG, zu der Web.de, GMX sowie 1&1 gehören, brachte es auf den Punkt: Die Musik wie cum grano salis alle digitalen Inhalte seien nur noch als „Add-on“, als Kundenbindungsinstrument in Verbindung mit anderen Produkten zu Geld zu machen: Mobilfunkverträge, DSL-Flatrates, Autos.

Wachstumsbremse Kopierbeschränkung

Der postpostmoderne Internetbenutzer verweigert sich der Kundenrolle, was zu absurden Verrenkungen geführt hat. Paradigmatisch dafür ist die Geschichte von DRM (Digital Rights Management): Waren die illegalen Kopien von Musikstücken beliebig einsetzbar, mussten sich zahlende Kunden mit dem Irrsinn einer einprogrammierten Kopierbeschränkung herumschlagen. Diese Form von Gängelung hat sich als fataler Fehler erwiesen, so dass sich nun die Musikanbieter selbst darin überbieten, die Abschaffung von DRM voranzutreiben. Noch in diesem Jahr werde man diese Wachstumsbremse überwunden haben, prognostizierten Joachim Franz und Peter Dürr.

Noch härter trifft die neue Konsumentenmündigkeit das alte Leitmedium Fernsehen, das in Köln einmütig als bedeutungslos aufgefasst wurde. Die These von Gundolf Freyermuth (International Film School Cologne), dass sich die jüngere Klientel kein Programm mehr vorsetzen lasse, sondern nur noch ihren eigenen Kanal kenne, bestätigte auch Jens Bujar, Kreativdirektor der Produktionsfirma Grundy Light Entertainment, die über die Ufa der RTL-Group angehört: Heute würden amerikanische Serien gleich im Original oder auf DVD geschaut, Werbeunterbrechungen sehe sich fast niemand mehr an.

Das eigentliche Medium der Zeit: Computerspiele

Als großer Gewinner und das eigentliche Medium der Zeit wurden in Köln aber nicht interaktive Internetportale aufgefasst, sondern Computerspiele. Diese Branche muss sich trotz hoher Preise tatsächlich nicht mit Kaufverweigerung herumplagen. Mehr und mehr integrieren die Games Filmqualitäten, setzen Regisseure ein, aber greifen auch Erfolgsmodelle des Web 2.0 ab. Während in Second Life niemand mehr anzutreffen ist, lebt Grand Theft Auto IV - der größte Entwicklungsschritt der jüngsten Zeit - nicht zuletzt von dessen Appeal, eine Plattform für Doppelgänger zu sein. Überhaupt führt die Entwicklung zu immer offeneren Welten. Martin Lorber (Electronic Arts) wies auf das bald erscheinende Spiel Spore hin, eine Evolutionssimulation, bei der die Teilnehmer maximale Freiheit besitzen und nur die Durchsetzung der eigenen Art das Ziel ist - Kreativität einmal ziemlich wörtlich aufgefasst.

Vom Standpunkt der Kunst aus ist all das kaum ein Grund zur Sorge, so die Botschaft des entspannten Hauptparts von „Cologne on Pop“. Erkannt hat man auch, dass das Gebot der Stunde nicht Web 3.0, sondern Reauratisierung heißt, die Aussetzung der technischen Distanz: Konzerte werden zu immer wichtigeren Einnahmequellen. So sind in Köln nicht nur Vertreter von mehr als siebzig Musikfestivals zur Netzwerkpflege zusammengekommen. Mit fünfzig ausverkauften Konzerten in fünf Tagen wurden hörbar Zeichen gesetzt.

Die Fehler der Popkomm vermieden

Die „c/o Pop“ hat es geschafft. Sie hat sich zu einem der wichtigsten Branchentreffen auf der Schnittstelle von elektronischer Musik und elektronischen Medien in Europa entwickelt, und das, ohne ihren Charme, ihre Jugendlichkeit aufzugeben. Das Budget ist trotz Ausbaus auf allen Ebenen bei etwa einer Million Euro geblieben, aufgeteilt auf öffentliche Mittel, Sponsoren- und Eintrittsgelder. Mit den „Popkomm“-Verantwortlichen rede man „eher indirekt“, sagt „c/o Pop“-Geschäftsführer Norbert Oberhaus: Zurückhaben möchte man in Köln die vor einigen Jahren mit viel Geld nach Berlin gelockte und inzwischen schwächelnde Vorgängerveranstaltung keineswegs, auch wenn jüngst ein entsprechendes und inzwischen dementiertes Gerücht kursierte.

Die „Popkomm“ hat den gewaltigen Fehler gemacht, sich an den sterbenden Branchenriesen zu orientieren. Am Rhein ist man der Musik- und Digitalwelt der Zukunft viel näher, weil man eingesehen hat, dass diese viel mehr ist als der Musik- und Digitalmarkt von morgen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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