Von Volker Albus
20. Januar 2005 Eines muß man dem Mann lassen: So konsequent wie er hat noch keiner das landläufige Klischee vom Designer bedient. Von der Biographie - geboren in Kairo, aufgewachsen in Kanada, Studio in New York - über das Outfit - Hornbrille, weißer Anzug, Turnschuhe - bis hin zu seinen Kreationen erfüllt Rashid exakt die populären Vorstellungen vom Designer als leicht abgedrehtem Maître de plaisir, als ein sein Publikum mit schicken und schrägen Formen verwöhnender Zampano des schönen Scheins.
Ob Brillen, ob Möbel oder Mülleimer: selbst die profansten Elemente des Alltags verwandelt der Mann aus New York in Designer-Brillen, Designer-Möbel, Designer-Mülleimer, kurzum: in gefälliges Designer-Design. Und das ist durchaus nicht ironisch gemeint. Denn Rashid schert sich keinen Deut um konstruktive, materiale, konfigurative oder gar funktionale Qualitäten; ihn interessiert ausschließlich das Spektakel der Kurven und Volumen, der Farben und Muster, der Gags und Effekte, sprich: die exponierte Äußerlichkeit.
Die Größen nicht verstanden
Vorbild sind ihm dabei, wie er am Ende seiner 2001 erschienenen Selbstdarstellung I want to change the world offenherzig bekennt, die Heroen aus Vergangenheit und Gegenwart, namentlich Ettore Sottsass, Gaetano Pesce, Jean Baudrillard, Rodolfo Bonetto, Ron Arad, Philippe Starck, Luigi Colani, Joe Colombo, Charles Eames, and so many others ... Der Bezug auf diese Größen wäre durchaus ehrenwert, hätte Rashid die von ihm so glühend Verehrten auch nur ansatzweise verstanden. Aber genau das hat er nicht.
Klar, auch einen Sottsass, Arad oder Starck wird man ebensowenig wie Colombo oder Eames als Verfechter des rechten Winkels bezeichnen können, aber deren expressives Vokabular war Ausdruck eines technologischen (Colombo, Eames, Pesce), eines konventionellen (Arad, Starck) oder theoretischen (Sottsass) Konzepts - und kein selbstreferentielles, allein auf die mediale Wirkung ausgerichtetes Formenspiel.
Nur eine Plastikhülle
Wie zum Beispiel das sichtbar von Gaetano Pesces UP5, Donna inspirierte Sitzobjekt blob. Während Pesce mit seinem Sessel eine bis dato unbekannte Verarbeitung von Polyurethanschaum einführte - die vakuumverpackte Donna bläht sich erst beim Auspacken, das heißt unter Luftzufuhr, auf ihre zehnfache Größe auf -, entbehrt Rashids gestauchte, in Polypropylen ausgeführte Adaption jeglicher technologischen Raffinesse: eine Plastikhülle, mehr nicht. Nicht minder einfallslos verfährt er mit der Silhouette von Eames' bis heute produzierter Chaise von 1948. Der meint er offenbar mehr Drive geben zu müssen - und beamt sie so mittels Autocad schwungvoll in die Niederungen des Discounter-Designs.
Unternimmt er tatsächlich einmal den Versuch, eine nur dekorativ gedachte Vorlage funktional aufzuwerten, dann geht das mit Sicherheit zu Lasten eben genau dieser ästhetischen Qualitäten. Mendinis feinen zwei- beziehungsweise dreilagigen Glasbeistelltisch Papilio von 1985 nimmt er kurzerhand auseinander und macht daraus ein stapelbares Beistelltisch-Programm. Platter geht's nimmer.
Keine Impulse
Nahezu jedes seiner Objekte - viele seiner Mobilien bezeichnet er euphemistisch als Projekt - läßt sich so auf eine bestimmte Vorlage zurückverfolgen, ohne daß auch nur eine einzige dieser Arbeiten das Vorbild erreichen oder gar übertreffen würde. Mehr noch, mit nahezu jedem Entwurf gelingt es Rashid, die aus diesen Quellen der Inspiration üppig sprudelnden Nährwerte an sich vorbeifließen zu lassen. Nein, von Karim Rashid gehen absolut keine Impulse aus. Weder stilistisch noch in bezug auf die Auseinandersetzung mit unseren sich wandelnden Verhaltensmustern, weder konstruktiv noch in der Verarbeitung neuer Materialien.
Da haben andere doch weit mehr zu bieten: Jasper Morrison etwa, der seit Jahren, zuletzt mit seinem im sogenannten Gasinjektionsguß hergestellten Air Chair aus dem Jahr 2000, permanent den technologischen Standard aktualisiert. Oder Marc Newson, dessen Flugzeugstudie die Fondation Cartier im letzten Jahr eine fulminante Einzelausstellung widmete, oder aber Ron Arad, der sich geradezu gierig auf jede materiale, produktionstechnische oder mediale Herausforderung stürzt und sie ohne Rücksicht auf ökonomische Barrieren an einem ganz spezifischen Design auslotet.
Mehr bunt, mehr rund
Kandidaten gäbe es also genug, die den programmatischen Urknall für die von der Neuen Sammlung in der Münchner Pinakothek der Moderne langfristig angelegte Ausstellungsreihe Change hätten auslösen können. Sicher, auch Rashid markiert eine Veränderung im Design. Aber dessen Change beschränkt sich - digital hin, digital her - ausschließlich auf ein formales Mehr: mehr bunt, mehr rund! Und Hauptsache, schnell. Ob dieses kurzatmige Crossover jedoch eine Ausstellung an einem Ort rechtfertigt, der wie kein zweiter hierzulande - das Vitra Design Museum einmal ausgenommen - ein Forum, eine Sammelstätte der Inkunabeln des Designs darstellt, das sei einmal dahingestellt.
Da wäre es konsequenter gewesen, das sich angeblich in der Arbeit Rashids so exemplarisch vermittelnde Wechselspiel zwischen marktgetriebener Dynamik und digitaler Deklination gleich am Beispiel der wirklichen - und zweifellos originelleren - Big Player auf aufzuzeigen. An Ikea etwa oder an Tchibo oder an all den gnadenlosen Möbelgiganten, die uns tagtäglich mit mindestens fünfundzwanzigprozentigen Nachlässen zu ködern versuchen. Sprich: wenn schon Change, dann Tchibo!
Vorbei an den Ikonen
Es ist nicht ohne Brisanz, daß man auf dem Weg in die Rashid-Ausstellung an all den Ikonen vorbei muß, die das Haus über Jahrzehnte zusammengetragen hat. An den Breuers, den Thonets, den Sottsass, den Brauns und, ja, den Colanis. An all denen also, deren Namensnennung allein schon ein ganzes Arsenal von Möbeln und Geräten vor unserem geistigen Auge erscheinen läßt. Der Kontrast, den Rashid zu dieser Garde von Altmeistern markiert, könnte drastischer nicht sein. Und so hat diese Ausstellung zumindest ein Gutes: Sie offenbart die konzeptionelle Leere, das gestalterische Nirwana, das dieser Designer inszeniert.
Es ist nicht zuletzt die Präsentation in der Ausstellung, die Rashids Schwächen schonungslos offenlegt. Denn anders als üblich gewährt man hier in München dem Publikum auch einen konzentrierten Blick auf die Unterseite der in zwei sich permanent drehenden Ausstellungspaternostern plazierten Objekte. Und aus dieser Perspektive betrachtet, handelt es sich bei den meisten der ausgestellten Arbeiten tatsächlich um nichts anderes als um ein schlichtes Metallgestell mit irgend etwas rund und bunt Obendraufgeschraubtem.
Hoffnungsvoll stimmen da allein die Worte Florian Hufnagels, des Direktors des Hauses. In seinem Katalogvorwort betont er, daß die Neue Sammlung mit dieser Schau an die Ausstellungen über David Carson (1995) und Tomato (1997) anknüpft. Und von denen hört man heute ja bekanntermaßen nicht mehr allzuviel.
Neue Sammlung, Pinakothek der Moderne, München, bis 27. Februar. Der Katalog kostet 14,80 Euro.
Der Autor ist Architekt und Designer. Er lehrt Produktdesign an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.01.2005, Nr. 17 / Seite 35
Bildmaterial: AP, Pinakothek der Moderne