Joachim Löw im F.A.Z.-Interview

„Als Kapitän muss man sich nicht so abreagieren“

“Form und Fitness kommen vor Namen“: Bundestrainer Joachim Löw

"Form und Fitness kommen vor Namen": Bundestrainer Joachim Löw

18. August 2008 Die EM und das verlorene Endspiel mit der deutschen Fußball-Nationalelf gegen Spanien hat Bundestrainer Joachim Löw verarbeitet, an diesem Mittwoch beginnt die neue Länderspiel-Saison mit dem Test gegen Belgien in Nürnberg (21.00 Uhr / Live im ZDF und im FAZ.NET-Liveticker). Zuvor spricht der Bundestrainer im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die Europameisterschaft mit dem Streit zwischen Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff und Kapitän Michael Ballack, die WM 2010 und seine Ziele mit dem DFB-Team.

Sie waren immer ganz stolz auf Ihren chronischen Ruhepuls sechzig. Haben Sie ihn nach der aufregenden Europameisterschaft im Urlaub wiedergefunden?

Ich hatte diesen Ruhepuls auch während des Turniers – größtenteils. Dass ab und zu die Emotionen hochgingen, versteht sich von selbst.

Waren Sie im Blick zurück manchmal über sich selbst überrascht – etwa, als Sie der Schiedsrichter im Spiel gegen Österreich auf die Tribüne schickte, Sie anschließend gesperrt wurden und sich das Viertelfinale gegen Portugal aus dem Glaskasten einer VIP-Box im Baseler St.-Jakob-Park anschauen mussten?

Ich kenne ja meine emotionalen Schwankungen. So gesehen, war ich nicht über mich selbst überrascht oder gar erschrocken. Es gibt in einem Spiel immer Momente, in denen man sich als Trainer nicht ganz so verhält, wie es alle von einem erwarten. Der Eindruck, dass ich die Ruhe selbst sei, täuscht manchmal. Situativ bin ich schon sehr impulsiv.

Sie sind schließlich Zweiter des Turniers geworden, dabei waren die Leistungen der Nationalmannschaft sehr wechselhaft. Warum?

Die Spieler kamen unter unterschiedlichen Voraussetzungen nach der Bundesliga-Saison zu uns. Alle auf ein gleich hohes Niveau zu bringen, das hat uns vor Probleme gestellt. Sechs Spiele in zwanzig Tagen zu bestreiten, darunter haben manche Spieler mehr als andere gelitten, da sie diesen Rhythmus nicht oder nicht mehr gewohnt waren. Wir hatten ja auch Spieler dabei wie Christoph Metzelder oder Torsten Frings, die vorher über längere Strecken verletzt waren.

Frings zum Beispiel wirkte während des Turniers nicht so frisch, wie man ihn von der Weltmeisterschaft 2006 in Erinnerung hatte.

Sicherlich waren Schwankungen bei einzelnen Spielern und in der Mannschaft insgesamt zu erkennen. Wir sind noch dabei, uns ein abschließendes Bild von der Gesamtleistung bei dieser EM zu machen. Dazu brauche ich auch das Feedback von den Spielern, um herauszufinden, wie ihr Gefühl, wie ihr Befinden über die sechs Wochen war, in denen wir zusammen waren. Neben der physischen Seite kam ja auch noch der psychische Druck dazu. Dieser Druck ließ bei unserer Mannschaft nicht immer die Leichtigkeit im Spiel zu, zu der wir während der Qualifikationsphase in der Lage waren.

Sie haben vor kurzem vom Europameister geradezu geschwärmt. Was lässt sich von Spanien lernen?

Wir selbst haben ja schon während der EM-Qualifikation und gegen Portugal beim Europameisterschaftsturnier bewiesen, dass wir in der Lage sind, auf einem ganz hohen Niveau Fußball zu spielen. Der große Vorteil der Spanier ist, dass sie permanent und damit auch unter Druck in der Lage sind, spielfähig zu sein. Da stimmt die Passgenauigkeit, die Ballan- und -mitnahme. Da ist Perfektion im Spiel, genährt aus der Grundfertigkeit jedes einzelnen Spielers am Ball.

Werden sich aus Ihren EM-Erkenntnissen wieder Veränderungen bei der Einstimmung auf die Weltmeisterschaft 2010 ergeben – sofern das nächste große Ziel Südafrika erreicht wird?

Natürlich hätten wir auch 2008 gern Fitnesstests gemacht wie vor der WM 2006 und auch im ersten Halbjahr 2007. Die Vielzahl der Spiele und der ganz enge Terminkalender haben es uns nicht erlaubt, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, von denen ein Trainer vor einem großen Turnier gern Gebrauch macht. Wir hatten ja in diesem Jahr nur zwei Länderspiele bis zum Beginn der EM-Vorbereitung im Mai und dabei die Mannschaft nur jeweils vier Tage zusammen. Da hätte ein Fitnesstest wenig Sinn ergeben. Ich wusste, dass ein kleiner Baustein fehlte, doch da war nichts zu machen.

Was also soll sich ändern?

Bei den Qualifikationsspielen zur WM 2010 können wir an den Abläufen nichts ändern, aber die Freundschaftsspiele mit allen begleitenden Maßnahmen gilt es sinnvoll durchzuplanen. Rund um diese Begegnungen gibt es vielleicht die Möglichkeit zu Testreihen. So kann ein Spieler seine Basiswerte noch einmal verbessern, und wir Trainer hätten vor einem Turnier eine leistungsdiagnostisch bessere Auswertung der Leistungen jedes Spielers. Wir sollten dazu auch mit der Bundesliga sprechen, um vielleicht eines Tages einheitliche Fitnesstests zu haben. Das würde vieles vereinfachen.

Verbessert werden müssen die Spieler auch individuell, will Deutschland dauerhaft in der Weltspitze mithalten. Was ist da zu machen?

Ein solches Projekt führt nicht binnen weniger Wochen zum Erfolg. Das ist ein längerer Prozess. Wir sind dabei, innerhalb der nächsten Wochen unseren Zweijahresplan bis zur Weltmeisterschaft 2010 fertigzustellen. Natürlich gehört dazu erst einmal, die Qualifikation zu schaffen und uns gegen die sehr starken Russen durchzusetzen. Darüberhinaus müssen wir uns darüber im Klaren sein, was en detail bis zur unmittelbaren Vorbereitung auf die WM geschehen soll. Da gilt es, möglichst viel Zeit für die Arbeit mit der Nationalmannschaft eingeräumt zu bekommen. Statt eines Länderspiels sollte vielleicht auch mal ein interner Leistungstest auf dem Programm stehen.

Glauben Sie Ihre Wünsche im Einvernehmen mit der Bundesliga erfüllt zu bekommen?

Lauthals Forderungen zu stellen hilft selten weiter. Ich suche immer nach Lösungen im Konsens. Es geht um den ständigen Dialog. Die Grundfrage, die wir uns alle stellen müssen, lautet: Wo können wir im deutschen Fußball wichtige Dinge verbessern? Da geht es nicht nur um die Fitness, sondern vor allem auch um die Ausbildung junger Spieler, um den taktischen Bereich, auch um die Stärkung der Infrastruktur.

Apropos Infrastruktur: Wie gefällt Ihnen denn das neue Leistungszentrum des FC Bayern München?

Dort ist etwas gemacht worden, was anderswo längst Wirklichkeit ist. Andere Nationen sind uns da schon zehn Jahre voraus. In England, Spanien und Italien kennt man solche Leistungszentren längst. Als ich vor zehn Jahren Trainer bei Fenerbahce Istanbul war, gingen die Spieler auch erst um 18 Uhr nach einem Arbeitstag im vereinseigenen Leistungszentrum nach Hause. Es muss auch in Deutschland verstärkt um die Konzentration auf den Beruf und für die Spieler darum gehen, persönlich und professionell stetig Fortschritte zu machen. Jeder ist seine eigene Firma. Letztlich kann sich nur der Spieler verbessern, der sich die nötige Zeit nimmt und da oder dort dazulernen will.

Konzentration auf den Beruf, kann das, übertragen auf die Nationalmannschaft, auch bedeuten weniger Eventmarketing, mehr Rückbesinnung auf das Wesentliche?

Natürlich lohnt es sich, über alles nachzudenken, was rund um die Nationalmannschaft geschieht. Nur: Wenn wir unseren EM-Kader auf der Zugspitze, mit einer zugegeben symbolischen Gipfelnote, bekanntgeben, bedeutet das für keinen Spieler körperliche Präsenz. Wir haben in der täglichen Arbeit mit den Spielern während der EM jede Stunde genutzt.

Trotzdem gab es nach dem verlorenen Endspiel gegen Spanien eine Szene, in der Michael Ballack auf Manager Oliver Bierhoff loszugehen schien. Freundlichkeiten hatten sich die beiden in dem Moment, da Bierhoff den Kapitän aufforderte, mit vorbereiteten Dankeschön-Winkelementen auf die deutschen Fans zuzugehen, sicher nicht zu sagen. Wie bewerten Sie diesen Moment im Nachhinein?

Beide haben in der Kabine darüber gesprochen. Ich werde darüber auch noch mal mit Michael Ballack reden. Nach allem, was ich vernommen habe, war Michaels Wortwahl in diesem Augenblick nicht so ganz geschickt. Dass sich Emotionen aufstauen nach einem verlorenen Finale, ist verständlich, zumal Michael ja erst ein paar Wochen vorher mit dem FC Chelsea auch das Champions-League-Endspiel verloren hatte. Allerdings muss man sich als Kapitän der Mannschaft nicht in diesem Maße und mit solchen Ausdrücken abreagieren.

Sie haben das Klima innerhalb der Mannschaft während der EM stets als gut bezeichnet. Hält dieses Urteil auch dem Blick zurück stand?

In den sechs Wochen, in denen wir zusammen waren, hat sich die Mannschaft sehr diszipliniert verhalten. Die Spieler haben sich vorbildlich an unsere Grundregeln gehalten, was Pünktlichkeit, Ordnung, Auftreten in der Öffentlichkeit und Respekt untereinander anging. Dass es auch mal Spannungsphasen gab und Konflikte ausgetragen wurden, ist bei den verschiedenen Charakteren klar.

Sportdirektor Matthias Sammer hat den Berliner Schlussauftritt mit dem Dankeschön an die Fans zu Ihrem Unverständnis kritisiert. Solche Feierlichkeiten, sagte er, könnten die falschen Signale aussenden und den Siegeswillen manches Junioren-Nationalspielers beeinträchtigen. Haben Sie da etwas falsch gemacht, oder hat er etwas falsch verstanden?

Wir wollten den Fans danken, dass sie uns so unterstützt haben. Matthias Sammer hat mich angerufen und mir erklärt, warum er das so gesagt habe, und ich habe ihm unsere Ansicht erläutert. Es war halt ein Dankeschön. Eine A-Mannschaft, die so im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht, hat ein anderes Gewicht als eine U-Mannschaft. Sich feiern zu lassen ist was anderes als das, was wir wollten. Für uns sollte vor allem das Dankeschön an die Fans rüberkommen. Vielleicht schwappten hier und da die Emotionen etwas über. Eine klare Meinung habe ich dazu, dass das Rahmenprogramm, in dem die Spanier verulkt wurden, nicht in jeder Hinsicht gelungen war.

Heute noch gefeiert, morgen vielleicht nicht einmal für die WM qualifiziert, droht diese Gefahr auch der deutschen Mannschaft?

Weltmeister Italien und der WM-Zweite Frankreich haben sich in der EM-Qualifikation lange schwergetan und haben dann bei der Europameisterschaft keine große Rolle gespielt. England hat sich erst gar nicht qualifiziert. Daran sieht man, was so alles passieren kann. Wir stehen in der WM-Qualifikation vor einer schweren Aufgabe gegen Russland – ein Team auf Topniveau. Falls wir nicht Platz eins erreichten und in die Relegation müssten, brauche ich nicht weiter zu erklären, welche Nervenspiele uns dann bevorstehen werden.

Sie haben gesagt, dass Sie in Zukunft wieder mehr junge Profis in die Nationalmannschaft integrieren wollten. Der Gewinn der Europameisterschaft durch die deutsche U-19-Auswahl hat dazu diesen Fußballsommer noch ein wenig versüßt. Was ist da in nächster Zeit zu erwarten?

Die Integration junger Spieler muss behutsam geschehen. Es wäre wenig sinnvoll und unrealistisch, acht oder neun ganz junge Spieler zur WM nach Südafrika mitzunehmen. Zwei, drei, vier Spieler so heranzuführen, dass sie uns schon helfen können, halte ich für sinnvoll. Natürlich ist Toni Kroos vom FC Bayern ein herausragendes Talent, das reifen wird. Hat jemand außerordentliche Qualitäten, wird er die schon in jungen Jahren bei uns zeigen können.

Zum Spiel gegen Belgien: Viele hatten nach dem Rücktritt von Jens Lehmann erwartet, dass nun René Adler seine erste Chance im deutschen Fußballtor bekomme. Der Leverkusener aber ist an der Schulter verletzt und muss passen. Also wird der Hannoveraner Robert Enke spielen. Zeichnet sich auf dieser Position schon eine neue Hierarchie in der Nationalmannschaft ab?

Das wäre ja viel zu früh. Wir lassen uns die Zeit, die wir brauchen. Enke und Adler haben bei der EM klasse gearbeitet und sind dazu starke Charaktere. Dennoch schauen wir uns auch andere Torhüter in der Bundesliga an, ehe wir uns in der Torwartfrage festlegen.

Gibt es in Zukunft überhaupt noch Pfründen in der Nationalmannschaft?

Form und Fitness kommen vor Namen.

Das Gespräch führte Roland Zorn.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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